Neue Wohnung
02.04.2026 14:55 Uhr
Jay und ich sind letzte Woche umgezogen. Vor zwei Jahren hat sie sich eine Ein-Zimmer-Wohnung in Grünau gemietet, um irgendwo in Leipzig einen Schlafplatz zu haben, während sie ihre Ausbildung für Systemintegration macht. Jetzt haben wir uns eine richtige Wohnung gesucht. Zwei Zimmer, näher am Arbeitsplatz, näher an der Innenstadt, ein Commitment auf ein Leben zu zweit in Leipzig.
Bis jetzt hatte ich noch gar nicht richtig die Möglichkeit anzukommen. Das Wohnzimmer ist leer, überall Umzugskartons und die Suche nach Möbeln haben mich davon abgehalten. Aber heute habe ich mir die Zeit genommen, anzukommen, ein Bad genommen und “Blonde” von Frank Ocean gehört - mein Ritual, um den Lebensabschnittswechsel zu reflektieren. Das Album ist langsam, schleichend, so wie dieser Lebensabschnitt sich langsam angeschlichen hat. Offiziell bin ich nie in Leipzig eingezogen, war immer nur bei ihr. Lange habe ich mir Zeit gelassen, mich festzulegen, zu überlegen, mein Studium in Hildesheim wieder aufzunehmen, die Beziehung zu hinterfragen, mal im Kleinen, mal im Größeren, mit meiner Depression zu kämpfen und mich zu fragen, was ich eigentlich will. Die Entscheidungen fielen langsam, wohlüberlegt, Schritt für Schritt, doch als ich das erste Mal in der Wohnung stand, realisierte ich plötzlich, dass das hier etwas anderes ist, als es noch vor einem Jahr war. Wir leben jetzt zusammen, ich baue mir eine Zukunft auf und unsere Zukunft ist in sichereren Bahnen, als sie das jemals war.
Frank Ocean reflektiert in seinem Album über Nostalgie, Unsicherheit und Schwierigkeiten ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich ziehe auch viel Inspiration aus meiner Vergangenheit, sie schreibt Geschichten und formt Charaktere. “Keep a place for me, I’ll sleep between you, it's nothing”. Dieser Verse räsoniert so stark, dass die Wände beben. Einen Platz finden, sich mit allem zufrieden geben, aus Angst vor Einsamkeit.
Habe ich endlich meinen Platz gefunden, meine Person, neben der ich schlafe? Es fühlt sich doch so an.
“I'd rather live outside, I'd rather chip my pride than lose my mind.” Dieser Satz beschreibt die Resolution von Blonde wahrscheinlich am besten. Ein System, eine Gesellschaft, eine Welt, an der Frank Ocean zerbrochen ist. Für ihn war es das Celebrity sein, die Musikindustrie, vor der er sich damals entschieden hatte zu fliehen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich weiß es immer noch nicht genau, was es bei mir ist. Vielleicht Leistungsdruck, vielleicht die Industrien, die meinen künstlerischen Leidenschaften ein finanzielles Überleben versprechen wollen, vielleicht Depression selbst. Ich weiß es nicht. Ich weiß noch nicht mal, ob ich davor fliehe oder mein selbstbestimmtes Leben genau darin suche.
Ich schätze mein Blonde ist noch nicht geschrieben und mein Kampf ist weder gewonnen noch verloren. Vielleicht ist es auch genau das, was mich immer wieder zu diesem Album zieht, wenn ich über neue Lebensabschnitte reflektiere. Dieser Kampf, diese Suche. Ich hatte schon lange nicht mehr so gute Karten im Spiel des Lebens, doch die letzte Karte ist noch lange nicht gezogen.
Vielleicht ist das auch die Schönheit des Lebens.